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Denkraum

Risiko in Spiel und Freizeit – Wozu eigentlich?

Von Matthias Pramstaller 16. Mai 2019

Freiräume sind für die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wichtig. Neben pädagogischer, psychologischer oder soziologischer Forschung, findet auch die Neurobiologie interessante Zusammenhänge.

Aus der Pädagogik

Kinder lernen durch Herausforderungen, die auch schief gehen können, ihre Fähig-keiten und Grenzen kennen. Sie erfahren, dass sie selbst schwierige Situationen meis-tern können und erleben die Konsequenzen ihres Handelns. Diese Erfahrungen lassen Selbstwirksamkeit erfahren und sind für das Selbstständigwerden wichtig. Es bilden sich Strategien, um unsichere und heraus-fordernde Situationen auch in Zukunft zu bewältigen.
Laut einer Schweizer Studie verbringen Erstklässler fünf Prozent ihrer freien Zeit an einem Werktag mit unbeaufsichtigtem Spielen. Bei fünf Stunden Freizeit sind das 15 Minuten. Das Resultat: Wir schaffen die beste Frühförderung ab und produzieren spielunfähige Kinder. Sie können die für das Spielen notwendige kreative Energie und Ideen nicht entwickeln (Franz-Studie 2012, Stamm).

Aus der Medizin

Überbehütung ist ein sozialer Risikofaktor für unspezifische Krankheitssymptome in der Adoleszenz (Janssens, 2009). Auch scheinen Überbehütung in der Kindheit und zunehmende Häufigkeit von Depressi-onen, Angststörungen und geringe Lebens-zufriedenheit zu korrelieren (Schiffrin et al, 2014, LeMoyne, Buchanan 2011).
Kinder können nicht mehr richtig fallen. Zahnärzte berichten von einer Zunahme von Frontalzahnfrakturen durch nicht abgefange-ne Stürze (Stamm 2016). Dass bei Motorik und Koordination Luft nach oben besteht, zeigt die KIGGS Studie 2018.

 

Aus der Psychologie

Eine Studie von Perry et al. (2018) zeigte, dass Zweijährige mit überkontrollierenden Müttern drei Jahre später im Durchschnitt mehr Schwierigkeiten hatten als andere Kinder, in komplexen und herausfordern-den Situationen ihre Emotionen und Im-pulse zu regulieren. Auch acht Jahre später nach der Messung des Elternverhaltens zeigten sich Schwierigkeiten im schuli-schen, sozialen und emotionalen Bereich.

Aus der Neurobiologie

Überbehütete Kinder haben als Erwachsene weniger graue Hirnmasse im präfrontalen Kortex. Genauer gesagt: Das Vorenthalten von Erfahrungen führt zu strukturellen Ver-änderungen im dorsolateralen präfrontalen Kortex (Kosuke, 2010). Hier sind die exekuti-ven Funktionen verankert. Diese umfassen u.a. Selbstmotivation, die Initiative zum Beginnen einer Handlung, selektive Auf-merksamkeit und Konzentration sowie die Emotions- und Impulsregulation.

Aus der Sportwissenschaft

Kindern ist ein gravierender Bewegungs-mangel zu attestieren. In Deutschland er-füllen über 70 Prozent die von der WHO empfohlene Mindestanforderung von einer Stunde mäßiger bis intensiver Bewegung nicht. Leider wird dem freien Spiel draußen in der Prävention von bewegungsmangel-bedingten Krankheiten kaum Beachtung geschenkt (Richard-Elsner, 2018). Aber: Ge-rade hier werden körperliche Gesundheits-indikatoren gestärkt.

Quellen:

Stamm, M. et al. (2012) Früher an die Bildung – erfolgreicher in die Zukunft? Familiäre Aufwachsbedingungen, familienergänzende Betreuung und kindliche Entwicklung. Schlussbericht zuhanden der Hamasil Stiftung und der AVINA Stiftung. http://margritstamm.ch/images/FRANZ%20Studie%20Schlussbericht.pdf.

Stamm. M. (2016). Lasst die Kinder los. Warum entspannte Erziehung lebenstüchtig macht. Piper: München, Berlin, Zürich.

Janssens, K. A. M., Oldehinkel, A. J., & Rosmalen, J. G. M. (2009). Parental Overprotection Predicts the Development of Functional Somatic Symptoms in Young Adolescents. Journal of Pediatrics, 154(6), 918-923. https://www.rug.nl/research/portal/files/6733556/Janssen_2009_J_Pediatr.pdf.

Kosuke, N., et al. (2010). Relationship of parental bonding styles with grey matter volume of dorsolateral prefrontal cortex in young adults. Progress in neuro-psychopharmacology & biological psychiatry. 34. 624-31. 10.1016/j.pnpbp.2010.02.025.

LeMoyne T., Buchanan T. (2011) DOES “HOVERING” MATTER? HELICOPTER PARENTING AND ITS EFFECT ON WELL-BEING Sociological Spectrum Vol. 31 , Iss. 4.
Schiffrin, H. et al. (2014). Helping or Hovering? The Effects of Helicopter Parenting on College Students’ Well-Being. J Child Fam Stud, 23:548–557

Perry, N. B., Dollar, J. M., Calkins, S. D., Keane, S. P., & Shanahan, L. (2018, June 18). Childhood Self-Regulation as a Mechanism Through Which Early Overcontrolling Parenting Is Associated With Adjustment in Preadolescence. Developmental Psychology. Advance online publication. http://dx.doi.org/10.1037/dev0000536.

Richard-Elsner, C. (2018). Draußen spielen – ein unterschätzter Motor der kindlichen Entwicklung. Analysen und Argumente, Nr. 315.
https://www.draussenkinder.info/images/Drau%C3%9FenspielKAS.pdf.

Matthias Pramstaller

Alpenvereinsjugend Österreich