AktivDenkraum

Inklusion erleben

Von Monika Hailzl, Adrian Wiewiora, Lisa Bauer und Johanna Grassegger 2. Juni 2020 Keine Kommentare

Reich an Erfahrungen: Was für uns „Inklusion (er)leben“ bedeutet

Gemeinsam schaffen wir mehr als allein!

Inklusion leben, heißt für uns auch: Das gemeinsam schaffen, was man allein für unmöglich hält. Was alles so im Team möglich ist, machte unsere Traumetappe über den Brenner-Grenzkamm deutlich. In der Vorbereitung wurde schnell klar, dass an der Grenze zwischen Österreich und Italien eine Schlüsselstelle auf uns warten könnte. Und so machten sich gleich vier Teammitglieder auf den Weg, um vor der Transalp die Strecke abzuchecken. Der „Verdacht auf eine Schlüsselstelle“ wurde bestätigt, weswegen wir uns ernsthaft fragen mussten, ob der Brenner-Grenzkamm wohl doch eine Nummer zu groß für uns sein würde.

Am Tag fünf erlebten wir dann aber eine positive Überraschung: Nach nicht einmal vier Stunden standen wir verschwitzt und glücklich am Sattelberg und fielen uns in die Arme. Wir konnten kaum fassen, wie einfach sich diese Etappe im Team angefühlt hat – waren wir doch im Vorfeld in einer reinen Fußgängergruppe schon ordentlich an unsere Grenzen gekommen. Möglich war das nur, weil wir als Team zusammengearbeitet haben: Ein*e Fußgänger*in unterstützte jeweils eine*n Handbiker*in, andere übernahmen das Hochschieben der liegengelassenen Mountainbikes. Ebenso wichtig war, dass alle für gegenseitige Motivation und eine gute Stimmung sorgten. So ist das Hindernis Brenner-Grenzkamm zu einer Herausforderung geworden, die wir bravourös gemeistert haben. Grundlegend dafür war das Vertrauen in die Stärke der Gruppe. Denn: In einem Team muss nicht jede*r alles können. Ich bringe mich mit meinen Stärken dort ein, wo andere an ihre Grenzen kommen – und umgekehrt.

Nicht nur das Ziel ist wichtig – auch das „Wie“ ist entscheidend

Jedes Projekt, bei dem es darum geht, sich als Team einer Aufgabe zu stellen, erfordert in der Vorbereitung eine Auseinandersetzung mit den Fragen „WAS wollen wir gemeinsam erreichen?“ und „WIE wollen wir das erreichen?“. Diese zweite Frage zu beantworten, kann ziemlich viel an Diskutieren, Bereden und Ausloten von Bedürfnissen bedeuten. Aber genau deswegen sind wir der Meinung, dass es sich absolut lohnt, am Anfang eines Projekts viel Zeit und Energie in die Klärung des „Wie“ zu investieren. Für uns war schnell klar, was unser Ziel sein würde: eine Alpenüberquerung mit dem Bike. Andere Fragen waren schon schwieriger zu klären:

  • Geht’s uns dabei nur um eine größtmögliche sportliche Leistung oder wollen wir so unterwegs sein, dass niemand Leistungsdruck verspürt?
  • Soll die Strecke naturnah sein oder nur möglichst effizient?
  • Sollen alle ihr eigenes Tempo fahren oder wollen wir eher geschlossen als Gruppe unterwegs sein?

Solche Fragen im Voraus gründlich zu besprechen und basierend auf den Bedürfnissen aller einen gemeinsamen „Wie-Kompromiss“ zu finden, macht es später wesentlich einfacher, mit Spannungen in der Gruppe umzugehen. Denn so können Wertekonflikte leichter als solche identifiziert und zusammen eine Lösung gefunden werden. Extremsituationen, wie wir sie beispielsweise durch den Schneefall am Geiseljoch erlebt haben, können aufgrund solcher Werte-Kollisionen noch ein Stück extremer werden – bieten aber eben dadurch ein ungemein großes Lernpotenzial, insbesondere, was das Leben inklusiver Werte angeht. Das soll jetzt aber nicht heißen, dass es Extremsituationen braucht, um Inklusion möglich zu machen. Ganz im Gegenteil: Wir finden, Inklusion kann eigentlich in jedem Lebensbereich, an ganz vielen unspektakulären Stellen und oftmals auch dort gelebt werden, wo man es vielleicht gar nicht vermuten würde.

Jeder Mensch hat besondere Bedürfnisse

Inklusion bedeutet für uns, die Bedürfnisse aller wahrzunehmen und diesen Raum zu geben – unabhängig davon, ob diese Bedürfnisse sichtbar oder unsichtbar sind, laut oder leise kommuniziert und früher oder später erkannt werden. Die Kunst ist hierbei, die Bedürfnisse (abseits von Extremsituationen) nicht zu bewerten, sondern gleichberechtigt zu beachten, egal ob diese körperlicher, sozialer oder psychischer Natur sind.

Inklusion in alle Richtungen

Wenn du konditionell am Limit bist, was hilft dir dann? Jemanden an deiner Seite zu haben, der dich mental unterstützt und motiviert, ein gutes Tempo ohne Stress wählt, mit dir gemeinsam Pausen macht und dir vielleicht sogar eine kleine Stärkung anbietet, könnte hilfreich sein. Das Schöne daran: Diese Art der Unterstützung kann jede und jeder anbieten, egal ob mit oder ohne Handicap. Inkludiert zu werden, bedeutet nicht automatisch, auch selbst jemanden zu inkludieren und damit eine inklusive Haltung zu zeigen. Mit „Inklusion in alle Richtungen“ wäre aber genau dieser Wunsch gemeint.

Kann man Inklusion auch ohne Menschen mit Handicap (er)leben?

Wäre unser Projekt nicht als „inklusiv“ ausgeschrieben gewesen, hätte ich mich nie getraut, mich für eine MTB-Transalp zu bewerben. Ich hätte gedacht: „Ich bin viel zu schlecht am Bike und komme sowieso nicht hinterher!“ Durch die inklusive Ausschreibung rechnete ich jedoch automatisch mit der Einstellung, dass wir gemeinsam als Team auf dem Weg sind. Dabei ist egal, wer der/die „Schwächste“ oder „Stärkste“ ist.“ Ich wusste, dass ich inkludiert werden würde. Um Inklusion zu leben und selbst inkludiert zu werden, braucht es also weder eine körperliche oder geistige Behinderung noch eine Diagnose, eine Sprachbarriere oder sonstiges. Solche Gedanken wie „Ich bin bestimmt nicht gut genug, um mitfahren zu können“ bemerke ich auch in unserer Sektion, wenn motivierte Menschen sich zu Touren anmelden wollen, sich aber aus verschiedenen Gründen nicht trauen. Zum Beispiel: „Ich traue mich nicht, weil ich keinen aus der Gruppe kenne.“ oder „Ich habe Angst, dass meine Kondition nicht gut genug ist und ich Letzte/r und Schwächste/r bin. Was könnten weitere Hemmschwellen sein? Was könnte Menschen (be)hindern, sich bei einer Tour anzumelden? Und was können wir tun, um Inklusion in diesem Bereich zu leben? Die Bedürfnisse dieser Menschen zu sehen, zu erfragen und Rücksicht darauf zu nehmen? Viele von uns Jugendleiter*innen tun dies ohnehin schon und leben Inklusion, ohne absichtlich darauf zu achten. Perfekt!

Inklusion kann eben überall, wo Menschen gemeinsam am Weg sind, gelebt werden!

Monika Hailzl, Adrian Wiewiora, Lisa Bauer und Johanna Grassegger

Monika Hailzl ist Jugendleiterin in der Sektion St. Pölten Adrian Wiewiora ist in der Ausbildung zum Jugendleiter in der Sektion Innsbruck Johanna Grassegger ist Jugendleiterin, Psychologin und Erlebnispädagogin Lisa Bauer ist Jugendleiterin in der Sektion TK Linz