Gewaltprävention
Denkraum

Meine Grenze, deine Grenze! Grenzen achten im (freien) Spiel

Von Caroline Rinner 24. April 2021

Freies Spiel ist großartig. Es erlaubt den Kindern und Jugendlichen, selbst die eigenen Grenzen zu erkunden, sie auszureizen und zu erweitern. Die Natur gibt ihnen unzählige Möglichkeiten, Widerstände zu überwinden und in der Persönlichkeit zu reifen. Doch was, wenn die individuelle Grenze einmal überschritten wird oder wenn wir gegenseitig individuelle Grenzen überschreiten?

Sensibel für die einzelnen Bedürfnisse zu bleiben, ist eine grundlegende Fähigkeit von Jugendleiter*innen, und allen, die mit Kindern spielen. Doch bleiben wir ehrlich. Jeder und jedem von uns fällt bestimmt mindestens eine Situation ein, in der wir schon mal eine Grenze überschritten haben, in der wir eine Grenzüberschreitung beobachten konnten oder in der unsere eigene Grenze überschritten wurde. Nicht immer erkennen wir im Miteinander sofort, was unserem Gegenüber jetzt gut tun würde und zack, da waren wir schon „zu schnell!“, „zu nah!“, „zu fordernd!“, „zu abgelenkt!“ oder „zu weit weg!“.

Nicht alle Situationen können wir vorhersehen und wir können die Kinder nicht vor allen Situationen schützen. Aber es ist unsere Aufgabe, Gruppen gut anzuleiten, einen sicheren Spielort zu gestalten und in der Gruppe eine Sprache zu entwickeln, in der Vertrauen vorherrscht und auch Unangenehmes angesprochen werden kann. Die folgende Übung kann als Warm Up oder anlassbezogen genützt werden, um eine gemeinsame Sprache zu unterstützen.

Gewaltprävention

Illustration: Roman Hösel.

Ja – Nein – Tut mir leid – Kreis

Quelle Angelehnt an die Übung aus: „Stark! Aber wie?“ S. 61

 

Ziel Warm Up, Kontakt in die Gruppe, gemeinsame Sprache finden
Alter
Dauer Ca. 15 Minuten
Material
Reflexion Wie geht es dir damit, „Nein“ zu sagen? War „Nein“ oder „Ja“ sagen leichter? Können wir in der Gruppe „Nein“ sagen? Wann sage ich „Es tut mir leid?“. Wann verwende ich ein „Stopp!“. Was hindert mich daran, ein „Stopp!“ zu benennen?
Anleitung Die Kinder/ Jugendlichen stehen im Kreis. Ein lautes „Ja“ geht rechtsherum durch den Kreis. Das „Ja“ wird entweder nach rechts weiter- oder mit einem klaren „Nein“ zurückgegeben, dann geht der Kreis linksherum mit „Nein“ weiter, bis jemand wieder ein „Ja“ nach rechts zurückgibt. Ein „eEs tut mir leid“ kann an ein beliebiges Gruppenmitglied geschickt werden. Von dort geht es wieder nach rechts mit einem „Ja“ weiter. Wenn das gut funktioniert, kann ein „Stopp“ hinzukommen. Es gilt als Antwort auf „Ja“, „Nein“ oder „Es tut mir leid“ und unterbricht die Runde für ein paar Sekunden. Nur ein ernst gemeintes „Es tut mir leid“ in Richtung der Person, die „Stopp“ gesagt hat, lässt das Spiel nach den oben genannten Regeln weiterlaufen. Nehmt euch etwas Zeit für die Reflexion, besonders dann, wenn nicht jedes Kind so einfach „Nein“ oder „Stopp“ sagen kann.

 

Gefühle sind erlaubt

Das Wichtigste in der Gewaltprävention ist, dass Gefühle erlaubt sind. Auch jene Gefühle, die uns oft als unangemessen erscheinen. Sie machen uns „feig“, zu einem „Mädchen“, zu „Weicheiern“. Dabei ist gerade das die große Stärke! Denn wenn man seine eigenen Gefühle erkennen und benennen kann, gelingt es uns besser, die Gefühle anderer zu respektieren. Wichtig ist es, jedenfalls respektvoll mit den Gefühlen anderer umzugehen – auch wenn sie für uns vielleicht mal nicht nachvollziehbar sind.

Gestern war schönes Wetter

Quelle Nach der Übung aus: „Stark! Aber wie?“ S. 64

 

Ziel Gefühle erkennen, Emotionen zeigen
Alter
Dauer 10 – 15 Minuten
Material
Reflexion Woran erkennt man Gefühle bei anderen? Haben Gefühle wie Wut oder Trauer in unserer Gruppe Platz?
Anleitung

 

In einem abgegrenzten Spielbereich gehen die Kinder/Jugendlichen herum. Die Gruppe wird gebeten, den Satz „Gestern war schönes Wetter!“ immer wieder zu wiederholen. Die/der Gruppenleiter*in gibt die Anweisung, mit welchem Gefühl dieser Satz für ca. 20 Sekunden gesprochen werden soll. Die Anweisungen können wie folgt lauten: „nüchtern, wie ein/e Nachrichtensprecher*in.“, „ärgerlich“, „scherzhaft“, „jubelnd, nach einem Lottogewinn!“, „bei einer Lüge ertappt“. Euch fallen bestimmt noch viele Varianten ein! Es kann auch sein, dass es wichtig ist, Wut und Trauer in der Gruppe deutlich zu machen. Es empfiehlt sich, mit ruhigen, monotonen Gefühlen zu beginnen oder gelegentlich ruhige Gefühle einzubauen, wenn die Gruppe stark in die Emotion geht.

 

Die Grenze ist überschritten

Doch was tun, wenn einmal eine Grenze überschritten wurde? Es geht so schnell: Ein Junge fühlt sich allein gelassen. Ein Mädchen fällt in den Gatsch und die anderen lachen sie aus. Ein Junge fühlt sich unangenehm berührt. All diese Situationen sind Grenzüberschreitungen und es ist unsere Aufgabe, diese Situationen auch ernst zu nehmen. Wichtig ist dabei, sachlich und objektiv zu bleiben. Tauscht euch im Team aus, sprecht über die verschiedenen Perspektiven und holt euch gegebenenfalls Hilfe von Außenstehenden.

Absichtliche Grenzüberschreitungen und (sexuelle) Übergriffe sind ein absolutes No-Go! Solltest du solche Situationen erleben oder beobachten, ist es wichtig, Stellung zu beziehen. Wenn du dazu Fragen hast, unterstützten wir dich gerne. Auch bei der Aufarbeitung solcher Erlebnisse ist es ratsam, wenn sich die Gruppe von erfahrenen, außenstehenden Personen begleiten lässt.

Illustration: Roman Hösel.

Wertschätzung fördern

Seid dabei und lebt mit uns Respekt, Wertschätzung und Vertrauen: Genießt das gemeinsame Spiel und richtet so oft es geht die Aufmerksamkeit auf die gelingenden Ereignisse, die Ressourcen der Gruppe und die Schönheit der Natur. Viel Spaß dabei!

Der Kreis der Wertschätzung“
Quelle „Praxisübungen“ Gewaltprävention im ÖAV

 

Ziel Kinder lernen, Komplimente zu geben und auch auszuhalten. Sich selbst ein Kompliment zu machen, fällt oft besonders schwer.
Alter ab 8 J.
Dauer 20 Minuten
Material langes Seil
Reflexion
Anleitung Die Gruppe steht im Kreis um einen Seilkreis, der in der Mitte ca. zwei Schritte entfernt ist. Einen Schritt darf man nur gehen, wenn man ein Kompliment gegeben hat. Kompliment 1 und 2 werden einer anderen Person im Kreis gegeben. Wenn alle Kinder vor dem Seilkreis stehen, muss sich jeder selbst ein Kompliment geben, um in den Kreis steigen zu dürfen.

Beispiel: „XY mag ich…“, „Ich mag XY, weil…“

 

 

Mehr zu diesem Thema findet ihr auch im DREI D Special „Prävention von Gewalt und Diskriminierung“ und unter www.alpenvereinsjugend.at/praevention

Fühlst du dich wohl? Wenn nicht, schreib uns an! schreibuns@alpenverein.at

Caroline Rinner

...ist Sozialarbeiterin, Yogalehrerin, Gewaltfrei Leben Multiplikatorin und ehrenamtliche Koordinatorin zum Thema Gewaltprävention in der Alpenvereinsjugend.