Denkraum

Freizeit mit gesunden Risiken

Von Matthias Pramstaller 15. Mai 2019

Wenn nichts passiert, passiert auch nichts

Kinder brauchen für ihre gesunde Entwicklung Freiräume. Freiräume in denen sie selbsttätig die Welt erkunden, sich auf eigene Faust erproben und Verantwortung übernehmen können. Wir brauchen gesunde Risiken, keine lernunfreundliche Sicherheitskultur.

Gesunde Risiken – wo seid ihr?

Kinder finden überall Möglichkeiten um sich auszuprobieren. Auf schmalen Balken wird balanciert, die Gartenmauer ist ideal zum Klettern und Treppen sind zum Springen da. Den Plastikhammer finden Kinder nett, aber bei weitem nicht so toll wie den brauchbaren, echten Hammer. Auch Schnitzmesser lassen Kinderherzen höherschlagen. Rein theoretisch. Die Sorge vor Verletzungen und Frustrationen, vor Unfällen und ihren rechtlichen Folgen, lässt uns Erwachsene häufig zu Spielverderbern werden.

Der Trend zur verplanten Kindheit schafft unbeaufsichtigtes Spielen, selbständiges Entdecken und Neugierig-Sein ab. Kindliche Terminkalender sind an Nachmittagen ganz schön dicht: Montag musikalische Früherziehung und Kinderyoga, Dienstag Nachhilfe und Fußball, Mittwoch Gitarre und am Freitag Klettern und Kreativkurs. Da bleibt wenig Zeit für Phantasie, Langeweile oder um die Häuser zu ziehen. Manchmal habe ich den Eindruck, Eltern-Taxis transportieren ihren Nachwuchs von Angebot zu Angebot, dort angekommen konsumieren die Kinder von Erwachsenen strukturierte Stunden. Da frage ich mich: Gesunde Risiken, wo lauert ihr auf unsere Kinder?

Sich mutig ausprobieren – nicht selbstverständlich

Überbehütendes und kontrollierendes Handeln Erwachsener, das jegliches Risiko ausschließt, nimmt Kindern die Möglichkeit, aus sich heraus Erfahrungen zu machen, den Grad der Herausforderung selbst zu wählen und auch mal kritische Situationen erfolgreich zu bewältigen. So erleben Kinder nicht, dass sie verantwortlich sind für eine Situation und wirksam sein können. Augenblicke mit einem Hauch von Angst, Unsicherheit und gleichzeitiger Freude werden nicht erlebt. Was bleibt, sind häufige Bevormundung, wenige Erfahrungen mit Lebenskraft und die Gewissheit, dass Eltern unsichere und schwierige Situation schon regeln werden.

Inwiefern Risikoscheue problematisch ist, beschreiben zwei australische Wissenschafter mit dem Begriff Risk Deficit Disorder (RDD), Risiko-Defizit-Störung. Sie weisen damit nicht nur auf das Verschwinden von Risiken aus der Gesellschaft und vor allem aus dem kindlichen Spiel hin, sondern thematisieren auch die daraus resultierenden Folgen und Probleme. Hier ist zu lesen: „A risk deficit child would be one who has not been exposed to risk, and is ubsequently unable to challenge him- or her- self to a level which allows continual development.” (Eager, Little).

Dieses Zitat sollte uns hellhörig machen. Stellen wir uns dieses Kind bildlich vor. Unfähig, sich selbst in jener Art und Weise zu fordern, um das tief in ihm liegende Bedürfnis nach Welteroberung zu verwirklichen. Ich denke an Welteroberung durch Bewegung, durch Beziehung und Interaktion, durch unzählige Versuche, die Natur der Dinge und ihre Zusammenhänge zu begreifen.

Risky play – das Leben wagen

Mit „risky play“ beschreibt die norwegische Wissenschafterin Helen Sandseter aufregendes und herausforderndes Spielen, Verletzungsrisiko inklusive. Meist findet dieses als freies Spiel draußen in der Natur statt und lebt von einem Hauch „Gerade-nochmal-gutgegangen“. Folgende sechs Kategorien lassen in die Erfahrungen, die Kinder im Risiko machen, eintauchen:

  • Spielen in großen Höhen
  • Erleben hoher Geschwindigkeiten
  • Spielen mit gefährlichen Gegenständen/Werkzeugen
  • Spielen in der Nähe von gefährlichen Elementen (Feuer, Wasser)
  • Wildes Spielen (raufen)
  • Spielen, wo Kinder „verloren gehen können“ (ohne Aufsichtsperson)

Diese Beispiele machen deutlich, was sich aus dem pädagogischen Denken immer mehr verabschiedet: Risiko ist nicht Gefahr. Risiko ist die Verbindung von Ungewissheit und Bedeutsamkeit, die mit einem Ereignis einhergeht und zur Auseinandersetzung mit ihm und seinen Folgen auffordert. Im Gegensatz dazu meint Gefahr Bedrohung von Leib und Leben. Wo Kinder das Leben wagen, also ins Risiko gehen, passiert Entwicklung. Vor Gefahr gehören sie beschützt. Für Kinder ist es nicht gefährlich am ein Meter hohen Balken zu balancieren – es ist riskant. Unbeaufsichtigtes Spielen, egal ob draußen in der Natur oder vor der Haustüre, ist nicht gefährlich, es birgt Risiken und dabei kann auch mal was schiefgehen.

Selbst entscheiden, kleine Schrammen, große Wirkung

Inwiefern selbstbestimmtes und risikoreiches Spiel für die gesunde Entwicklung von Kindern wichtig sind, zeigen uns verschiedene Studien aus Hirnforschung, Medizin und Psychologie. Kinder lernen dabei, eigene Gefühle zu regulieren und stressreiche Situationen zu bewältigen. Selbstmotivation, Konzentration und selektive Aufmerksamkeit sind von den Möglichkeiten, selbst bestimmte Erfahrungen bei offenem Ausgang zu machen, beeinflusst. Auch der Blick in die Zukunft ist aus Sicht der Forschung lohnenswert: Kindliche Überbehütung hängt mit zunehmender Häufigkeit von Depressionen, Angststörungen und geringer Lebenszufriedenheit im jungen Erwachsenenalter zusammen, oder hat als sozialer Risikofaktor Einfluss auf unspezifische Krankheitssymptome im Jugendalter. Zusammenhänge, die uns aus menschlicher, gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Sicht nachdenklich stimmen sollten.

Freizeit = Freiraum

Freiräume sind entwicklungsfreundliche Lernumgebungen. Es sind Augenblicke geprägt von Zeit-Haben, eigenkonstruktivem Handeln, von Herausforderungen, Risiken und Scheitern. Ohne elterliche Überfürsorge und Kontrolle. Sie werden möglich, wenn wir Eltern uns nicht so wichtig nehmen und in einer zutrauenden Haltung unseren Kindern begegnen. Vielleicht ist es eine gelassene Haltung, die das Risiko sieht, aber den Raum für Herausforderungen öffnet und bei Bedarf Unterstützung anbietet. Wir Eltern sollten wieder lernen zu beobachten, nicht ständig präventiv „pass auf!“ oder „gib Acht!“ rufen und kindliche Freizeit wieder zu freier Zeit machen – damit im Leben unserer Kinder wieder was passiert.

Matthias Pramstaller

Alpenvereinsjugend Österreich