Courage - Eigeninitiative
Denkraum

Eltern unserer Zeit – förderwütige Einser-Schüler

Von Matthias Pramstaller 26. März 2019

Wenn Gerald Hüther in seinen Vorträgen beständig folgenden Satz wiederholt: „Wenn Ihr Kind Abi, also Matura, macht und mit einer Eins abschließt, wird es trotzdem keine Arbeit finden. Die nehmen die nicht mehr.“ Warum das so ist? Mein Versuch einer Antwort bewegt sich außerhalb des nicht mehr gültigen Bildungsversprechens, Ausbildung = Jobgarantie. Oder ausführlicher: Lern was, dann kannst was, dann hast was, dann bist was, dann geht’s dir gut. Ich denke nicht an das Versagen Einzelner, sehr wohl aber an einen auf Grund gelaufenen gesellschaftlichen Rahmen, der lernunfreundliche und damit entwicklungshemmende Maßstäbe setzt.

Annahme #1: Der Wille zum Lernen, Analysieren von Problemen oder zum Entdecken und Ausprobieren von Neuem hat uns als biologische Gegebenheit das Überleben und kulturelle Entwicklung ermöglicht. In Anbetracht dessen gilt das epidemische Auftreten von Lernunlust sowie des grassierenden Desinteresses am Verstehen von Zusammenhängen als beispielloses soziales downgrading, als Meisterleistung gesellschaftlicher Demontage.

Annahme #2: Derzeitige Orientierungen des Lernens: Lauf nicht, sonst fällst du! Gib Acht, dass du nicht schmutzig wirst! Warte, ich zeig es dir! Bleib ja in der Nähe! Wieviel ist 5 mal 9? … schneller! Fülle das Arbeitsblatt aus – jeder für sich! Leider nicht genügend – ich entschuldige mich bei den in Lerntheorie kundigen Lesern für diese saloppen Aussagen.

Annahme #3: Für vermeintliche Sicherheit sorgen wir damit, dass Kinder und Jugendliche immer weniger frei erkunden, ausprobieren oder sich erproben können. Eigenkonstruktive Lernerfahrungen sind auch außerhalb der Schule Mangelware, innerhalb dreht sich der Vormittag ums Liefern erwarteter Ergebnisse. Wir machen den Raum für Entwicklungsmöglichkeiten enger denn je und sorgen dafür, dass unsere Zukunft das macht, was wir Erwachsenen vorgeben. Mit anderen Worten: Kinder und Jugendliche lernen in Bevormundung, Fremdbestimmung, in Input-Output-Strategien und von extrinsischer Motivation geleitet. Sie sind Objekte von Bildungsplanung: Egal, ob im schulischen oder im Kontext verprofessionalisierter Nachmittagsbetreuung.

Antwort: Warum die Einser-Matura nicht mehr gilt? Mit klarem Blick auf die obigen Zeilen schiele ich in unsere Kinderzimmer, Kindergärten, Volksschulen, Jugendverbände und meine dazu: Wer nur das machen kann, was ihm gesagt wird, lernt nicht, was er im Leben braucht. Wer sein Denken und Handeln auf vorgegebene Lernergebnisse und nachfolgende Kompetenzüberprüfung ausrichtet, ist langfristig auf keinem guten Weg. Oder etwas drastischer: Systemkonforme Pflichterfüller haben keine Chance mehr.

Mit Risk Deficit Disorder beschrieben Eager und Little 2011 das Verschwinden von Risiken aus der Gesellschaft und vor allem aus dem kindlichen Spiel sowie die daraus resultierenden Folgen und Probleme. „A risk deficit child would be one who has not been exposed to risk, and is subsequently unable to challenge him- or her- self to a level which allows continual development”. Bringen wir die Aussage auf Erwachsenen-Ebene: Wir Erwachsene – die noch kindliche Freiheiten hatten – sind unfähig, die überfälligen Alternativen anzugehen und umzusetzen, wohl aus Angst, im Risiko zu scheitern.

Unsere Kinder würden wir mit dem Auto in einen Förderkurs bringen. Wohin gehen wir?

Matthias Pramstaller

Team Alpenvereinsjugend in der Bundesgeschäftsstelle des Österreichischen Alpenvereins. Leitet die Initiative Junge Alpinisten