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Wie gestalte ich eine Kletterstunde?

Von Ursula Stöhr 16. Mai 2019

Gute Vorbereitung ist die halbe Miete

Neben den recht starren Rahmenbedingungen und dem Gebot, dass die Sicherheit der Kinder und Jugendlichen immer gegeben sein muss, sind Jugendleiter*innen in ihren Entscheidungen – was die Gestaltung der Klettereinheiten betrifft – relativ autonom und können ihrer Kreativität freien Lauf lassen. Doch es ist klar, dass gerade diese Überlegungen – vor allem für Neulinge – nicht immer leicht zu treffen sind und dementsprechend viel Zeit in Anspruch nehmen.

Spontanität, Flexibilität, Kreativität und Einfallsreichtum sind hilfreich, um Kletterstunden gut planen zu können. Ebenso lohnt es sich, viele verschiedene Übungen und Spiele parat zu haben, die man je nach Bedarf einsetzen kann. Wir haben für euch methodische Tipps und Tricks zusammengefasst, die euch bei der Planung eurer Klettereinheiten unterstützen sollen! Genauere Erläuterungen zur speziellen Methodik im Sportklettern findest du im Handbuch Sportklettern ab S.29 ff.

Definiere ein Endziel für deinen Kletterkurs

Findet der Kletterkurs in regelmäßigen Abständen statt, dann ist es ratsam sich im Vorfeld ein Endziel zu überlegen. Dieses Ziel kann zum Beispiel das sichere Toprope-Klettern, das sichere Vorstiegsklettern, der Weg von der Halle zum Fels oder ähnliches sein. Diese Ziele müssen auf das Niveau der Teilnehmer*innen, auf die Rahmenbedingungen und optimaler Weise auch auf die Erwartungen der Kinder, Jugendlichen und vielleicht sogar der Eltern abgestimmt werden. Oft kann es hilfreich sein im Vorfeld mit den Teilnehmenden ihre Motive und Erwartungshaltungen abzuklären, damit sich alle der Ziele bewusst werden.

Wähle pro Klettereinheit maximal zwei spezielle Schwerpunkte aus

Neben den Zielen, lohnt es sich auch für jede Klettereinheit Schwerpunkte zu definieren. Das spielerische Erlernen der Körperposition beim Klettern, das Toprope-Sichern, der Vorstiegssturz aber auch Verantwortung abgeben und Vertrauen haben, sind Ziele, welche für eine Klettereinheit festgelegt werden können. Um genügend Übungszeit zur Verfügung zu haben, empfehlen wir maximal zwei Themenschwerpunkte für eine Klettereinheit. Damit die Kletterstunden möglichst abwechslungsreich sind, bietet es sich an, im Vorfeld einen seiltechnischen und einen klettertechnischen Schwerpunkt für eine Einheit auszuwählen. Natürlich kann auch die Entwicklung von Einstellungen und Werten, wie Vertrauen gewinnen, Fairness und Kooperation im Zentrum einer Kletterstunde stehen. Da das Bewegungslernen sprich das Aneignen einer neuen Technik viel Konzentration und somit einen frischen Kopf und Körper erfordert, kann es sinnvoll sein, die Technikübungen und Spiele an den Anfang der Einheit zu stellen.

Der Spaß muss im Vordergrund stehen

Foto: Markus Karner

Starres Technik-Erwerbstraining gepaart mit Erklärungen sowie Routenklettern, bei dem nur das Top zählt, sind für Kinder und Jugendliche wenig motivierend. Willst du Kinder und Jugendliche langfristig beim Klettern halten, musst du kreativ werden. Wird die Klettertechnik in ein Spiel verpackt bei dem diese abverlangt wird (ohne dass die Kinder es merken) ist der Lernerfolg und auch der Spaßfaktor am höchsten. Beim Spiel „Giftige Steine“ (KT 4 _ Kletterspielebuch) sind die Kinder und Jugendlichen einerseits gezwungen mit der Zehenspitze zu steigen und andererseits müssen sie bewusst ihre Aufmerksamkeit auf die Füße richten. Extra Erklärungen benötigt es dafür keine, dafür ist der Spaßfaktor um einiges höher als beim reinen Queren auf kleinen Tritten.

Verwende eine bildliche Sprache

Kinder und eigentlich auch Erwachsene lernen Bewegungen leichter, wenn ihnen ein Bild die Bewegungsvorstellung erleichtert. Das Bild der richtigen Kletterposition erinnert zum Beispiel an ein Fabelwesen mit Froschbeinen, Affenarmen, leisen Mäusen als Zehen und einem Kletterauge (vgl. KT 15 _ Kletterspielebuch). Vermittelt man den Kindern dieses Bild und manifestiert es sich anschließend in ihrem Gedächtnis, nehmen sie durch eine kurze Erinnerung an das Fabelwesen sofort die richtige Körperposition ein. Auch beim Achterfädeln (UE#5 Einbrecher – Handbuch S.68) oder bei den Grundlagen des Sicherns (vgl. Handbuch Sportklettern S.71ff) kann mit Bildern als Eselsbrücke das Lernen erleichtert werden.

Beachte die methodischen Grundsätze und methodischen Übungsreihen

Es ist klar, dass die Reihenfolge der Übungen nicht willkürlich erfolgen oder sich an der Buchseite orientieren sollte. Vielmehr muss die Übungsabfolge den folgenden Grundsätzen entsprechen:

  • Vom Leichten zum Schweren!
  • Vom Bekannten zum Unbekannten!
  • Vom Einfachen zum Komplexen!

Zu Beginn der Jugendleiter- und Kletterlehrer-Karriere, werden diese Leitfäden eher abstrakten Floskeln entsprechen, die zwar logisch erscheinen, aber nicht genügend Anhaltspunkte für eine gute Vorbereitung liefern. Einige schlaue Köpfe haben sich viele Gedanken gemacht, wie die Seil- und Klettertechnik bestmöglich und methodisch sinnvoll aufgebaut werden kann. Eine Auflistung an methodischen Übungsreihen (MÜR) findest du deshalb im Handbuch Sportklettern ab S.61 für die Seiltechnik und ab S.125 für die Klettertechnik. Beachte aber, dass die einzelnen Übungen der methodischen Reihe als Stufen am Weg zum Ziel zu sehen sind. Es ist jedoch möglich – abhängig von der Gruppe – eine Stufen auszulassen, auf einer Stufe eine Zeit lang zu verweilen oder es kann auch nötig sein eine Stufe wieder hinunterzusteigen, um am Ende am Ziel anzukommen. Hier ist das Einfühlungsvermögen, die Beobachtungsgabe, die Flexibilität und Spontanität des Jugendleiters gefordert, um das bestmögliche Lernergebnis für die Gruppe zu erzielen. Wir empfehlen in jedem Fall nicht alle Übungen einer MÜR in einer Einheit durchzuführen, sondern lieber etwas länger bei einer Übung zu verweilen.

Bei Kinderkletterkursen bietet dir vor allem das Kletterspielebuch einen guten Anhaltspunkt in Sachen Methodik, da die Spiele und Übungen extra nach Schwerpunkten und Schwierigkeit geordnet wurden.

Lass die Kinder und Jugendlichen zu Forschern werden

Finden Kinder eigenständig oder in der Gruppe mittels Diskussion und Vergleich eine richtige Lösung, wird diese viel besser im Gedächtnis gespeichert. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir als Jugendleiter*innen den Kindern und Jugendlichen Aufgaben stellen für welche sie gemeinsam eine Lösung finden müssen. Dies fördert einerseits deren Kreativität und andererseits die Kooperation. Diese in der Fachsprache genannte induktive Lehrmethode kann beim Trittwechsel hervorragend eingesetzt werden. Indem man den Kindern die Aufgabe gibt herauszufinden, wie viele und vor allem welche Arten des Trittwechsels möglich sind, werden sie zur Kommunikation und zum Ausprobieren gezwungen. Erfahrungsgemäß lässt sich feststellen, dass die Erfolgsquote bei dieser Aufgabe sehr hoch ist.

Man sollte allerdings beachten, dass mit Zunahme der Komplexität der Aufgabenstellung auch die Ergebnisse immer mehr voneinander abweichen werden und somit die Zeit, welche für das Korrigieren von falschen Bewegungslösungen benötigt wird, zunimmt.

Ganz klar ist auch, dass diese Art des Erlernens von Fertigkeiten in keinem Fall bei der Seiltechnik oder Bewegungsaufgaben mit hohem Sicherheitsrisiko angewendet werden darf! Genauere Information zu den unterschiedlichen Lehrmethoden und deren Vor- und Nachteile findest du im Handbuch Sportklettern S.33.

Bringe Abwechslung in deine Klettereinheiten

Eine neue Frisur oder eine andere T-Shirt Farbe können kurzfristig zu einiger Erheiterung in deiner Klettergruppe führen. Doch auch ein spielerisches Highlight wie Countdown wird den Kindern irgendwann zu langweilig. Der Wechsel zwischen unterschiedlichen Organisationsformen, wie Frontalbetrieb und Stationsbetrieb bietet neben der Abwechslung noch weitere Vorteile: Die Teilnehmer*innen müssen in unterschiedlichen Gruppenzusammensetzungen (Klein- oder Großgruppe) miteinander interagieren und entwickeln sich oft nicht nur technisch, sondern auch sozial weiter. Der große Vorteil für dich als Jugendleiter*in besteht bei den Gruppenbetrieben darin, dich ein bisschen aus der Leiter*innenrolle zurücknehmen zu können. So bleibt mehr Zeit zum Beobachten, Analysieren und auch Verschnaufen. Sollte es aus Sicherheitsgründen oder auf Grund der Komplexität einer Aufgabe nötig sein, macht es Sinn, sich als Jugendleiter*in einer einzelnen Station zu widmen, um die Kinder dort speziell zu unterstützen. Dies kann zum Beispiel beim Sturztraining der Fall sein, bei dem immer ein Betreuer bzw. eine Betreuerin dabei stehen sollte. Weitere Informationen und Ideen zu unterschiedlichen Organisationsformen findest du im Handbuch Sportklettern S. 34+35.

Vermeide Stauungen und lange Wartezeiten

Kinder, die unterfordert sind, gerade nichts zu tun haben oder denen langweilig ist, fällt so mancher Blödsinn ein. Verfügen sie doch im Gegensatz zu uns Erwachsenen über einen ausgeprägten Bewegungsdrang und Neugier. Deshalb ist es besonders wichtig, die Wartezeiten beim Seilklettern und somit die Seilschaften möglichst klein (max. 3 Personen) zu halten, jedem eine bestimmte Aufgaben zuzuteilen (Kletterer – Sicherer – Notbremse) und auch bei den Spielen Kleingruppen zu bilden, damit sofort wieder geklettert werden kann. Bei Stationsbetrieben sollte in der Vorbereitung bereits darauf geachtet werden, dass alle Übungen ungefähr die gleiche Zeit in Anspruch nehmen, damit eine Gruppe nicht lange vor den anderen die Aufgabe erledigt hat.

Bereite immer eine Zusatzaufgabe vor

Da es im Vorhinein oft schwierig ist das genaue Zeitausmaß abzuschätzen, empfehlen wir immer eine Zusatzaufgabe in petto zu haben. Sollte ein Kind oder eine ganze Gruppe wider Erwarten eine Aufgabe schneller lösen können oder sich an einer Station eine Wartezeit ergeben, kann die Zusatzübung zum Einsatz kommen.

Behalte alle Teilnehmer im Blick

Sicherheit ist beim Klettern mit Kindern und Jugendlichen als oberstes Gebot zu betrachten. Kinder sind aus dem Vertrauensgrundsatz ausgenommen. Da sich auf Grund ihrer geringen Aufmerksamkeitsspanne immer wieder Fehler einschleichen und sie nicht immer alles um sich herum wahrnehmen, ist es umso wichtiger alle Teilnehmer immer im Blick zu haben. Das bedeutet auch, dass im Vorhinein die Räumlichkeiten und zum Beispiel die Anordnung der Stationen durchdacht werden müssen. Bevor man die Kinder in der halben Halle verteilt, weil nicht genügen Toprope Stationen nebeneinander vorhanden sind, sollte man im Vorfeld die nötigen zusätzlichen Toprope Stationen selbst einhängen.

Variiere die Seilschaften

Klettern ist ein sehr sozialer Sport bei dem Werte und Einstellungen gut geschult werden können. Jemandem vertrauen, sich aufeinander verlassen, Verantwortung abgeben aber auch Zusammenarbeit, Selbstvertrauen sowie Selbstwert lassen sich durch Klettern verbessern. Um dies mehr in den Fokus zu rücken, kann es sinnvoll sein, die Seilschaften immer wieder zu verändern. Achte dabei jedoch auf Gewichts- und Niveauunterschiede, welche Mischungen möglich sind.

Beuge Verletzungen vor – wärme auf

Klettern ist ein Risikosport und Unfälle passieren, jedoch sollte ein Jugendleiter oder eine Jugendleiterin alles tun, um dies zu vermeiden. Dazu gehört auch, dass zu Beginn einer Klettereinheit ein allgemeines und spezielles Aufwärmen steht, um das Herz-Kreislaufsystem anzuregen und die Muskeln auf die kommenden Belastungen langsam vorzubereiten. Ideen für allgemeine Aufwärmspiele findest du im Kletterspielebuch. Jedoch solltest du im Vorfeld abklären, ob die Hallenregeln die Spiele erlauben und sichergehen, dass niemand gestört wird.

Erstelle ein Stundenbild

Damit du den roten Faden deiner Kletterstunde nicht verlierst, immer weißt, was du als nächstes geplant hast und du auch die notwendigen Materialien griffbereit hast, empfehlen wir dir ein Stundenbild zu erstellen. Dies hilft dir methodisch die passenden Stiegen zu wählen und deine Ziele im Auge zu behalten. Wie ein Stundenbild aussehen kann, ist individuell unterschiedlich. Vorschläge für Stundenbilder findest du im Handbuch Sportklettern S.38 und auf der Homepage des Alpenvereins unter Sportklettern – Ausbildungen -Publikationen – „Stundenbilder zu den Kletterscheinen“.

Umlernen ist schwerer als Neulernen, deshalb korrigiere deine Teilnehmer

Hat sich eine Kletterbewegung erst mal falsch in unserem Körper eingeschliffen, ist es äußerst schwierig diese Bewegung wieder zu korrigieren bzw. umzuändern. Denn unser motorisches Gedächtnis muss ein fast ähnliches Bewegungskonzept entwerfen. Dies führt dazu, dass der Körper in Stresssituationen wieder auf das alte „falsche“ Bewegungsmuster zurückgreift. Um das schwierige Umlernen von Bewegungen zu vermeiden, ist es umso wichtiger die Teilnehmenden bei einer „falschen“ Bewegungsausführung zu verbessern. Achte bei deinem Feedback darauf den Fokus immer nur auf ein bis maximal zwei Hauptfehler zu legen, um den Lernenden nicht zu überfordern. Ganz klar ist es außerdem, dass die Korrektur während und spätestens unmittelbar nach der Bewegungsausführung erfolgen muss, denn daran, wie man den Kreuzzug letzte Woche ausgeführt hat, erinnert sich meist niemand mehr.

Wähle einen geeigneten Wandbereich mit passender Steilheit aus

Abhängig vom Spiel, der spielerischen Übung, der im Fokus stehenden Technik oder der seiltechnischen Fertigkeiten muss der Jugendleiter/die Jugendleiterin den passenden Wandbereich auswählen. So benötigt man beim Eindrehen eine leicht überhängende Wand mit guten Seitgriffen, beim Klettern auf Reibung eine Platte und beim ersten Vorstiegsklettern eine senkrechte bis leicht geneigte Wand mit leichten Routen. Es empfiehlt sich dies bereits im Vorfeld zu überlegen, um eventuelle Wandreservierungen beim Hallenbetreiber zu erbitten.

Ursula Stöhr

Autorin des Kletterspielebuchs des Alpenvereins, Mitglied Bundeslehrteam Sportklettern, Lehrerin