We hired a new employee
Denkraum

„Bewähr dich doch, endlich!“

Von Matthias Pramstaller 15. Mai 2019

Häufig haben wir in der Alpenvereinsjugend geschrieben, dass nicht die Bewahrungs- aber die Bewährungspädagogik der Schlüssel in der Begleitung von Kindern und Jugendlichen zu selbständigen Persönlichkeiten sei. In unserem Themenschwerpunkt Verantwortung ermöglichen zeigen wir auf: Kinder und Jugendliche sollen neugierig Herausforderungen suchen, selbst mutige Entscheidungen treffen, mit Unsicherheit umgehen und sprechen von einer dafür notwendigen zutrauenden, gelassenen Haltung. Ob wir mit dem Bild der Bewährungspädagogik dafür wirklich gute Basis haben? Ich glaube nicht. Eine Ansichtssache.

Irgendetwas stimmt hier nicht

„Der handliche, leistungsstarke, sehr leise Staubsauger hat sich trotz des stolzen Preises bewährt“ spreche ich halblaut vor mich hin und tippe bewähren in meinen PC: sich als geeignet, zuverlässig erweisen. Synonyme: sich als brauchbar / geeignet erweisen, sich behaupten, bestehen, Erwartungen erfüllen. Im Sinne meines Bildes vom Leben, fällt mir ein: Ein Kind muss sich doch nicht als geeignet erweisen, ein Kind ist geeignet. Kinder sind doch nicht einfach brauchbar, und damit auch unbrauchbar. Kinder, die in sie gestellten Erwartungen erfüllen müssen, sind arm dran. Menschen sind doch einfach richtig, so so wie sie sind. Eine Sache bewährt sich, eine Investition in etwas, aber doch kein Mensch.

Sich bewähren ist kein freies Spiel

Ist unser innerer Kompass derart geeicht, dass sich unsere Kinder und Jugendliche an den Herausforderungen und Risiken des Spielplatzes oder des Lebens bewähren sollen, setzen wir enge Maßstäbe. Es öffnet sich kein freies, gestaltbares Spielfeld. Vielmehr habe ich einen Spielkartenstapel mit sauber gestapelten Aufgabenkarten vor Augen. Aufgaben, die zu bestehen es gilt, an denen man sich behaupten muss. Ansonsten: Unbrauchbar?

Klar, im Leben gibt es Zeiten der Irrungen, Rückschläge, Phasen in denen es durchzuhalten und zu bestehen gilt – Zeiten ohne Ponyhof. Aber als permanente Grundschwingung der kindlichen Versuche die Welt zu begreifen sowie der jugendlichen Versuche im Orientierung-Finden, ist ein Sich-Bewähren-Sollen, aber auch ein ständiges Sich-Bewähren-Wollen keine gesundheitsfördernde Option.

Sich Bewähren kennt keine Zukunftsoffenheit

Sich bewähren geht nur an etwas, das bereits da ist. Etwa im Vergleich zu einer Norm, zu investierter Zeit oder an festgesetzten Anforderungen. Bewähren an sich hat somit kein gestalterisches Potenzial, kennt keine Zukunftsoffenheit. Eine Folgerung könnte lauten: Bewährungspädagogik bewahrt den gesellschaftlichen Status Quo.

Von der Bewährungspädagogik zur zukunftsoffenen Bildung

Das pädagogische Pendel in Schule und Familie zeigt derzeit stark in Richtung des Sich-Bewähren-Müssens an immer höher gesetzten Leistungsanforderungen. Meistens bei in sich widersprüchlichen Gehhilfen: Individuelle Förderung sowie eine Fülle an Entscheidungsoptionen und knallharter Leistungsdruck um die besten Plätze in Schulen und um Ausbildungsplätze werden gleichzeitig verhandelt. In dieser betrügerischen Daumenpresse gelingt es Kindern und Jugendlichen – vielleicht auch ihren Eltern – immer weniger sich zu bewähren. Es kommt noch dicker: Sich-bewähren-müssen produziert eine entmutigte und ermüdete Generation, die nur schwer den Anforderungen der Zukunft gewachsen sein wird.

Eine zukunftsoffene Bildung ist getragen von einer Lernkultur des Zutrauens, mit Freiräumen für selbständiges Lernen, die die Energien der Kinder und Jugendlichen respektiert und das neugierige Wissen-Wollen lebendig hält. Es ist eine Lernkultur des Respekts vor sich selbst und dem Anderen. Eine Lernkultur, in der Gelassenheit, Herausforderungen, Selbstwirksamkeit und Sinnhaftigkeit eine bedeutende Rolle einnehmen.

Wenn wir unsere Kinder weiterhin im Sich-Bewähren schulen, wird uns das verantwortungsvolle Handeln in Zeiten komplexer Zusammenhänge, konsumistischer Verführungen und unsicherer Veränderungen nicht gelingen.

Matthias Pramstaller

Alpenvereinsjugend Österreich