Denkraum

Auf der Suche nach dem Team Spirit

Von Andreas Blüthl 18. Januar 2021

Dienstag kurz vor 17 Uhr. Gleich werden die ersten Kinder eintreffen, mit ihnen auch der eine oder andere Elternteil. Von den Eltern werden manche der Kinder nicht nur hergebracht, obwohl das häufig auch und ausschließlich der Fall ist. So manch Vater oder Mutter bleibt auch während der Stunde und übernimmt die eine oder andere Tätigkeit. Maria atmet auf, dass es auch heute wieder ganz gut klappt. Zwölf Kinder sind da, zu aller Anfang gibt es eine Begrüßungsrunde, dann Aufwärmspiele. Mittlerweile ist auch Max, ein Jugendleiter, eingetroffen und hilft mit.

Beim anschließenden Klettern helfen ein paar der Eltern beim Sichern. Max beaufsichtigt die Boulderstation. Maria kümmert sich um die Einteilung beim Sichern, schaut ob die Handgriffe der Eltern sitzen, ob das Handling der Sicherungsgeräte auch wirklich passt. Maria ist sehr froh, dass sich immer wieder Eltern dazu bereit erklären, in der Stunde aktiv mit zu tun. In ihrem Team – Maria hat seit zwei Jahren die Jugendteamleitung inne – sind außer ihr auch noch Max, der fast jedes Mal dabei ist, dann Judith und Peter (die für heute absagten), sowie fallweise Karin.
Diese Kletterstunden finden alle zwei Wochen statt. Mehr ist zeitlich gar nicht drinnen. Bei Maria laufen die Fäden zusammen, sie koordiniert die Termine und schaut wer wann vom Jugendteam dabei ist. Im Idealfall dabei ist.

Die Kletterstunde neigt sich langsam dem Ende zu, die Seile werden abgebaut. Andere Eltern treffen (wieder) ein und holen ihre ausgepowerten und gut betreuten Sprösslinge, die ihnen mit leuchtenden Augen entgegenlaufen, wieder ab. Maria bedankt sich bei den Eltern, die mitgeholfen haben und meint, ohne ihre Mithilfe wäre es schwierig, so viele Kids beim Klettern zu betreuen.

Als die letzten gegangen sind verabschiedet sich auch Max; er muss noch zu einem Training in seinem Sportverein. Maria räumt den Rest zusammen, schließt alles ab und freut sich, dass auch diesmal wieder alles super geklappt hat.

Super?

Die fiktive Situation eines Ablaufs einer Kletterstunde, so, wie sie jede Woche in ganz Österreich vermutlich dutzende Male stattfindet. Und nur ein Beispiel von vielen. Fiktiv insofern, dass uns Situationen in der Form öfter geschildert werden, wir sie aber exemplarisch darstellen.

So wie Maria geht es nicht wenigen Jugendleitern und Jugendleiterinnen in den Sektionen. Es gibt ein Jugendteam. Im Team sind gut ausgebildete Leute. Wo brennt dann der Hut?

Neben vielen anderen wichtigen, ich nenne sie hier „technischen“ Fragen – wie z.B.: Mit welcher (Marketing-)Strategie bekommen wir wieder mehr, vor allem junge Mitglieder? Wie lösen wir die Obmann-Nachfolge am besten? Wie „verkaufen“ wir unsere Leistungen in der Öffentlichkeit, damit unsere Kurse besser ausgelastet sind? Oder wie organisieren wir uns innerhalb des Jugendteams am besten, also wer macht wann, was, wie oft? – geht es auch noch um etwas anderes.

Vielleicht ahnst du es ja, oder du kennst es sogar aus eigener Erfahrung. Maria (der Name wurde redaktionell geändert, ebenso wie die der anderen JL) erzählt uns, dass es „prinzipiell“ eh gut läuft im Team, aber es bleibt so viel an ihr hängen. Jeder und jede verlässt sich irgendwie auf sie, manchmal werden bereits zugesagte Termine relativ leichtfertigt abgesagt und Maria muss selbst zu einem Termin wo sie ursprünglich gar nicht eingeplant war oder sie muss überhaupt einen Ersatz finden und das schnell. Und im schlimmsten Fall, wie das zweimal in den letzten Monaten der Fall war, die Veranstaltung sogar absagen. Es liegt aber auch nicht an der Struktur, an einer besseren Organisation. Es liegt, sprechen wir es mal so aus, zuweilen auch an einer gewissen Unverbindlichkeit. An der Gewissheit, es gibt da eh jemanden, der im Falle einspringen wird, der Ersatz sucht und alles Rundherum koordiniert. Jemanden, der „immer“ da ist.

Selbst nach bereits stattgefundenen Coaching-Workshops funktioniert es dann doch nicht so wie geplant, wie in Protokollen festgehalten, in mehr oder weniger langen Sitzungen ausdiskutiert, in Gruppenprozessen auf Flipchartpapier gezeichnet und geschrieben. Am Anfang oft schon, da wird neuer Wind mitgenommen, der die Segel füllt und es geht vorwärts. Bei manchen Teams wird so weitergesegelt, das Team arbeitet voll mit und hat jetzt unter Mithilfe des Coachings einen klareren Überblick, wer was und wann an Bord zu tun hat, damit die Segel gefüllt bleiben. Bei anderen lässt der Wind aber mit der Zeit nach und der Kapitän steht allein am Ruder und muss dazu auch noch die anderen Sachen erledigen.

Warum ist das so, wenn es woanders gut klappt, im eigenen Team aber nicht? Wo das „An-einem-Strang“ ziehen nicht so spürbar ist. Wo nur gezogen wird, wenn der Jugendteamleiter, die Jugendteamleiterin rackert, zur Mitarbeit ruft. Das ist ein heikles Thema. Aber bei weitem nicht an den Haaren herbeigezogen. Eine gewisse Schärfe bekommt das Thema durch die Konstellation Ehrenamt versus tatkräftiger Einsatz und Verlässlichkeit.

Wie bei so vielem, gibt es hier auch kein Patentrezept.
Hat es mit Identität, mit bestimmten gelebten Traditionen zu tun?

Die Frage muss erlaubt sein, warum bin ich als Mitglied des Jugendteams überhaupt in der Alpenvereinsjugend und nicht bei einem anderen Verein? Wofür steht die Alpenvereinsjugend, was ist ihre Identität, ist sie klar von anderen unterscheidbar und wie macht sich das (für mich) bemerkbar? Warum zieht mich das an? Haben sich aus dieser Identität heraus Traditionen entwickelt, die mir besonders wichtig sind? Hier kann man als Jugendteamleiter*in ansetzen und die Teammitglieder zum Reflektieren einladen. Sie sollen sich darüber Gedanken machen, warum sie im Team dabei sind.

Verfliegt dieser ursprüngliche Reiz und die Motivation, „dabei sein zu wollen“, wird schnell lustlose Routine daraus. Zur Unverbindlichkeit ist es dann nicht mehr weit.

Was wir bei Coachings spüren, wenn wir es mit sehr kooperativen Teams zu tun haben, dann ist es das, dass dort oft mehr Freude am Gemeinsamen da ist, am sich Sehen, am „Etwas-zusammen-machen“. Es herrscht ein anderer „Spirit“. Es ist nicht „nur“ die gemeinsame Arbeit, die einen verbindet, dieselbe Sektion, der man angehört, ein gemeinsamer Bekannter, der einen zum „AV“ gebracht hat. Es ist oftmals eine gelebte Freundschaft, eine gelebte Identität, ja auch eine spezielle Alpenvereinsidentität – etwas womit „man“ sich identifiziert. Wo Ziele und Werte gut zusammenpassen. Wo also der Hauptgrund, weshalb man „dabei“ ist, nicht die gratis Weiterbildungsmöglichkeit ist, die man für seine eigene Bergsteiger*innenlaufbahn recht gut gebrauchen kann, oder der vergünstigte Kletterhalleneintritt. Die Motivation bleibt hier also erhalten, mehr noch, sie wird laufend bestätigt und verstärkt. Wir kennen es auch mitunter aus Geschichten älterer Bergsteiger und Bergsteigerinnen, die von verschworenen Gemeinschaften berichten.

Was aber nun tun? Identität, Freundschaft und Spirit kann ich mir nicht kaufen.

Ein paar gesammelte „best-practice“ Tipps ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind:

Ein gutes und verlässliches Team aufbauen heißt, sich selbst damit identifizieren zu wollen und im „Mitarbeiter*in“ nicht rein die Arbeitsleistung zu sehen, also mehr oder weniger Erfüllungsgehilfen. Es beginnt mit ausgedrückter Wertschätzung (die generell da sein sollte). Immerhin schenken die Leute ihre Zeit, und lassen sich, überspitzt formuliert, nicht kaufen. Wie in unserer mehr oder weniger erfüllenden Erwerbsarbeit. Also eine gute Basis ist damit schon vorhanden.

In vielen „guten“ Teams wird auch immer mal wieder etwas gemeinsam unternommen, abseits der reinen Sektionsstunden. Wie oft das stattfindet müsst ihr selbst ausprobieren; das kann ein halbjährlicher gemeinsamer Ausflug sein, Grillen am See oder Bergtouren (mit) Übernachtungen. Idealerweise aber öfter. Aber so individuell euer Team ist und ihr als die es bildenden Menschen, so individuell ist auch das, was ihr braucht, um euch im Team aufgehoben und wohl zu fühlen.
Stellvertretend dafür tut es aber nicht die gemeinsame Arbeitssitzung. Identitätsstiftend ist Quality Time, nicht das, was ohnehin getan werden muss. Also positiv besetzte Erlebnisse, in denen ihr Zeit füreinander habt – eben Qualitätszeit. Vielleicht gibt es sogar bestimmte Rituale bei euch, oder ihr schafft welche. Etwas, das für euch typisch und ein Teil eurer Identität wird; ein klares Markenzeichen, das eine starke Verbindung schafft.

Klar, es ist sicher aufwendig, noch mehr Zeit und mehr Einsatz, als man eh schon in die Angebote und die damit verbundene Organisation investiert, aufzuwenden. Doch „mühsam“ ist vielleicht nur der Anfang. Wenn es keine Notwendigkeit mehr ist, sondern Spaß macht und man sich schon auf das nächste Mal freut, wieder etwas Lässiges gemeinsam zu erleben. Dann könnte aus der anfänglichen Unverbindlichkeit etwas Stärkeres und damit Verlässlicheres entstehen. Eine starke Verbindung schafft Verbindlichkeit.

Bleibt dabei offen für Neues und vor allem werdet kein Exklusiv-Club, wo ein „Außenstehender“ nicht mehr hineinkommt. Ergebnis: Interessenten wenden sich wieder ab, weil sie sich nicht gut aufgenommen fühlen. Wenn ein starker Antrieb für´s Mit-tun Gemeinschaft ist, die mich aber dann nicht reinlässt (sondern nur an der Oberfläche als „Mitarbeiter*in“), werde ich mir eben etwas anderes suchen. Oder meine Mitarbeit auch nur sehr unverbindlich erledigen.

Wäre ein Coaching auch eine gute Idee für euer Jugendteam? Unsere Coaches kommen gern zu euch in die Sektion und arbeiten gemeinsam mit euch und euerem Team an genau solchen Themen !

Alle Infos: https://www.alpenverein.at/jugend/ehrenamt/alpenverein-coaching/index.php

Andreas Blüthl

Andi ist Erlebnispädagoge, seit vielen Jahren Coach im Alpenverein und Trainer bei den Schulprogrammen des Alpenvereins